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GRYPHIUS

Andreas Gryphius (1616 - 1664), der Dichter der Vergänglichkeit, der Vanitas, der Gebrechlichkeit der Welt, arbeitet in seinen Sonetten mit einer Vielzahl von Allegorien, also rhetorischen Stilmitteln, mit denen abstrakte Begriffe versinnbildlicht werden: Bilder des Lebens wie die Rennbahn, der Laufplatz, Bilder des Todes, wie der Hafen (Port), der Abend, die Nacht, Bilder der Vergänglichkeit, wie die Wiese, die Blumen, die Asche, Schatten, Staub und Wind. Allegorien existieren auch in der bildenden Kunst: besonders mit den Gegenständen in Stilleben läßt sich etwas "anders sagen" (αλληγορεω = bildlich reden), aber auch Personen können für abstrakte Begriffe stehen.
Eine Sonderform der Allegorie in der bildenden Kunst ist das Emblem: nicht nur stehen Personen oder Gegenstände für einen abstrakten Sachverhalt, sie werden durch sprachliche Elemente ergänzt, durch ein Motto und/oder eine Subscriptio. Moderne Adaptationen dieses barocken Bildtyps sind etwa die Arbeiten von Barbara Kruger, Bernhard Prinz, Ian Hamilton Finlay oder Urs Lüthi.
Die Integration von Schrift in die Malerei ist als Reinterpretation emblematischer Verfahren anzusehen: die gemalte  Landschaft ist die Bühne, auf der das Anders-Gesagte sich ereignet; jenes schon in der Sprache Andere, Allegorische aus den Texten des Andreas Gryphius. Die Landschaft dient als Projektionsfläche für die Emotionen, Verstrickungen und Sehnsüchte der Künstlerin und des Betrachters. Daß diese Texte nicht immer völlig deutlich lesbar sind, manchmal auf dem Kopf stehen oder von anderen Zeilen überlagert werden, zieht eine weitere allegorische Ebene ein: die Versinnbildlichung (Allegorisierung) nichtrationaler Zustände geschieht durch unklare Texte, die wiederum sprachliche Allegorien enthalten. In formaler Hinsicht bildet die Schrift ein ornamentales Element bzw. einen Vordergrund, der sich zwischen die Landschaft und den Betrachter schiebt, analog zu den transparenten Prospekten, die im Theater zwischen dem Bühnen- und dem Zuschauerraum als Projektionsflächen eingesetzt werden.

 

 

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